Begriff "Zeitgeist" als Rechtfertigung für Verbrechen an den Heimkindern

Veröffentlicht auf von Forumsteilnehmer am Diakonieforum

Hallo Helmut,
mir ist beim lesen deiner Seiten über eure Arbeitsgruppe aufgefallen,dass ihr den Begriff "Zeitgeist" so ziemlich außen vorgelassen habt! Kannst du mir schreiben ob ihr es bewußt ausgeblendet habt?
Denn bei allem Respekt vor Fr.Vollmer,das gerede von dem Geist der Zeit ist überflüssig,zumindest in dem Rahmen,wie sie immer darauf hinweist.
Es wird keinem am rundem Tisch gelingen zu beweisen,das in den 50er bis in die 70er Jahre hinein in deutschen Familien Schläge und Mißhandlungen an der Tagesordnung waren.Das würde nur ein Pseudo-Wissenschaftler behaupten!!
1,25 Mio. von 14.9 Mio. Kindern insgesamt sind nach dem Krieg ohne Vater aufgewachsen.Frau Vollmer will doch nicht etwa diese Mütter Posthum zu Frauen erklären,die ,so wie z.B. es in Heimen der Kirchen geschah,ihre Kinder zu Zwangsarbeit nötigten und sie nach Gutdünken prügelten,wegsperrten,vergewaltigten oder sonst mißhandelten.
Nicht nur das wird übel aufstoßen,denn in der Ausbildung der Jugendlichen gab es zwar noch das Recht zur Züchtigung aber es wurde z.B.1967 kaum noch angewandt.Ich bin mir fast sicher,das in etlichen Ausbildungsbetrieben immer noch Jugendliche in ähnlicher Zahl wie 1967 einen hinter die "Löffel" bekommen.
Hier kann man schon eher von Einzelfällen sprechen.Ich habe tatsächlich nie einen Menschen kennengelernt,der in seiner Lehrzeit auch nur im Entferntesten das erlebt hat,was z.B. "Fürsorgezöglinge" tagtäglich erlebten.Wer wurde durch seine Lehrzeit geprügelt und erhielt keine Vergütung?
Eher müssen sich die Träger der Heime,das gilt im besonderen für die Kirchen der Frage stellen,wieso hat man damals die Mütter (Eltern) ,die oft mit Kindern überfordert waren belogen und ihnen erzählt,im Heim wären die Kinder besser aufgehoben.Die Eltern,so sie denn noch leben und erfahren was ihren Kindern in den Heimen angetan wurde,die will man jetzt in die Verantwortung nehmen?
Das wäre eine unzulässige Schuldzuweisung!
Arwin 18. 04. 2009


Hallo Arwin! Wenn Du gestattest, stelle ich Deinen kompletten Beitrag in den Begleitblog Diakonieforum. Du hast nämlich einen wichtigen Aspekt erwähnt, den Du auch bei unserer Arbeit beobachtet hast. Der Begriff "Zeitgeist" ist in dem Zusammenhang "Verbrechen an Kindern und Jugendlichen in Heimen nach dem Krieg" völliger Quatsch. Er wird nur zur Rechtfertigung der Verbrechen herangezogen und dabei noch bewußt gelogen. Wer nämlich behauptet, nach dem Krieg war in den Familien das Prügeln an der Tagesordnung, der lügt nicht nur, sondern beleidigt alle Eltern oder Elternteile, bei denen diese Prügelorgien nicht stattgefunden haben. Diese Lügner werfen bewußt gelegentliche Klapse - für die selbst ich als Geschädigter sehr wohl bin - mit Prügeln in einen Suppentopf, um die Verbrechen ihrer Vorgänger zu verharmlosen. Bereits die Situation in Familien mit denen in Heimen zu vergleichen ist unanständig. Die Heime sind angetreten, insbesondere die kirchlich geführten, es eben besser zu machen, als es angeblich in den Familien geschah. Und für die Theologen gilt in diesen Fällen noch zusätzlich der Satz: Was Ihr getan habt, diesen, meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr mir getan.
Tatsächlich war in den Heimenn bereits 1947 das Prügeln verboten. Weil sich viele Heime nicht daran hielten, wurde dieses Verbot 1949 wiederholt und es wurden Zuchtbücher angeordnet, in denen die Strafe und der Strafer eingetragen werden sollten. Diese Zuchtbücher sind natürlich in den seltensten Fällen zu finden. Jeder weiß warum.
Das von Dir angeführte Recht zum Züchtigen hatte so viele Einschränkungen, dass praktisch der Klaps übrig blieb. Unsere Historiker haben darüber in ihrem Vortrag ausführlich gesprochen. Leider kam dieser Aspekt in der Presse nur unzureichend rüber. Mitte des Jahres soll jedoch ein Buch gedruckt sein, in dem auch dieses Thema ausführlich behandelt wird. Belege über das Verbot von Prügelstrafen haben wir bereits vor zweieinhalb Jahren im Internet gefunden.
Noch ein ganz wichtiger Punkt, der Dir sicher auch aufgefallen ist. Wir reden und schreiben in diesen Fällen von "Verbrechen", denn was Euch, uns und vielen tausend Anderen in dieser Zeit angetan wurde, darf man nicht mit dem Begriff "Grausamkeiten" verniedlichen. Der Vorgänger der heutigen ESV-Leitung hat gar von "Liebesentzug" schwadroniert. Noch sichtbarer kann man nun Opfer wirklich nicht verhöhnen. Wir haben uns selbst auch schwer getan, Verbrechen als Verbrechen zu bezeichnen. Vor einigen Wochen haben wir bestätigt bekommen, dass in unserer Angelegenheit Verbrechen stattgefunden haben. Das wird bei Euch nicht anders gewesen sein.
Helmut Jacob, 18. 4. 2009
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