Entschuldigung der Diakonie: Nein Danke!!

Veröffentlicht auf von Forumsteilnehmer am Diakonieforum

Termin

Mittwoch, den 7. Oktober 2009

in der Zeit von 10.00 – 16.30 Uhr

 

Verantwortung für das Schicksal früherer Heimkinder

Übernehmen

 

In den Einrichtungen der Jugendfürsorge ist es in den 50er und 60er Jahren zu teilweise schlimmen

Vorfällen gekommen. Oft litten Kinder und Jugendliche unter Gewalt und waren psychischem Druck, Lieblosigkeit und Erniedrigungen ausgesetzt.

In einer Tagesveranstaltung wollen die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und ihr Diakonisches Werk

eine Zwischenbilanz der bisherigen Aufarbeitung ziehen.

Dazu werden Betroffene zu Wort kommen, Wissenschaftler die Rahmenbedingungen der

damaligen Zeit aufzeigen und Podiumsteilnehmer/ innen nach den Konsequenzen für die

Zukunft fragen.

Den Abschluss bildet ein von Landesbischöfin Frau Dr. Margot Käßmann geleiteter Gottesdienst.

Zu dieser Veranstaltung möchten wir Sie

herzlich einladen.

 

Zeitplan (Vormittag)

10.00 Ankommen, Kaffee

10.30 Begrüßung und Einführung in den Tag

Dr. Christoph Künkel,

Direktor Diakonisches Werk Hannovers

 

10.45 Persönliche Erinnerungen ehemaliger

Heimkinder

Rita Schult, Fassberg

Jörg Walther, Reinheim

 

11.15 Persönliche Erinnerungen ehemaliger

MitarbeiterInnen

Mechthild Schultze, Herne

Gerhard Haake, Bad Salzdetfurth

 

11.45 Einführung in die Ausstellung von

Eckhardt Kowalke

12.00 Mittagspause mit Imbiss

 

Zeitplan (Nachmittag)

13.00 Die Diakonie und die Frage der

Heimerziehung der 50er und 60er Jahre

Dr. Michael Häusler,

Leiter des Archivs des DW EKD, Berlin

 

13.30 Die Erziehungspraxis in Heimen der

Jugendhilfe in der Nachkriegszeit

Prof. Dr. Manfred Kappeler, Berlin

 

14.00 Podium „Was wir aus der Vergangenheit

lernen können“

Moderation:

Christof Vetter, Geschäftsführer des Lutherischen

Verlagshauses Hannover

Teilnehmer/innen:

Mechthild Ross-Luttmann,

Niedersächsisches Ministerium für Soziales,

Familie und Gesundheit

Burkhard Guntau,

Präsident des Landeskirchenamtes

Günter Meyer,

Vorsitzender des Fachverbands ev. Träger von

Einrichtungen und Diensten der Jugendhilfe in

Niedersachen

Hans Bauer,

Projektleiter des Diakonischen Werks Hannovers

Heidemarie Dettinger,

Vorstand Verein ehemaliger Heimkinder

Anke Broßat-Warschun,

Fachbereichsleiterin Fachbereich Jugend und

Familie Landeshauptstadt Hannover

 

14.45 Abgabe einer Erklärung der Landeskirche

und des Diakonischen Werkes Hannovers mit

seinen Einrichtungen

Dr. Christoph Künkel

 

15.00 Erwartungen der früheren Heimkinder

Niedersachsens an Heimträger, Diakonie,

Jugendbehörden und Politik

Jürgen Beverförden, Bramsche

 

15.15 Rückfragen, Aushändigung der

Tagungsdokumentation

 

15.30 Gottesdienst

Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann

Für Gespräche stehen an diesem Tag 4 ausgebildete

Gesprächspartner/innen zur Verfügung. Sie tragen ein

Namensschild mit der Kennzeichnung „Gesprächspartner“.

 

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Gemeinsame Erklärung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und des Diakonischen Werkes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers e.V. zu der Situation in Heimen der Jugendfürsorge in den 50er und 60er Jahren.

Mit Trauer stellen wir fest, dass in unseren Einrichtungen der Jugendfürsorge in den 50er und 60er Jahren schlimmes Unrecht geschehen ist.

1. Uns beschämt, dass in den 50er und 60er Jahren unser christlicher Anspruch von der Wirklichkeit oft nicht gedeckt wurde. Insbesondere sehen wir, dass es häufig zu Gewaltanwendungen kam, ein oft massiver psychischer Druck herrschte und in den Heimen nicht individuell fördernd auf die Kinder und Jugendlichen eingegangen worden ist. Dadurch ist die Würde der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen oft nachhaltig verletzt und ihr Leben beschädigt worden.
Wir setzen uns dafür ein, dass in unseren Einrichtungen ohne Gewalt, in einer Atmosphäre des Respekts, einfühlsam und achtsam miteinander umgegangen wird. Wir wollen die Fähigkeiten und Entwicklungspotentiale des Einzelnen fördern.

2. Uns beschämt, dass die bedrückenden Einzelschicksale über lange Jahre verschwiegen und weder  aufgearbeitet noch öffentlich gemacht wurden. Die ersten Veröffentlichungen in der Mitte der 60er Jahre wurden nur wenig beachtet. Sie trugen jedoch dazu bei, dass unsere Einrichtungen sich damals  pädagogisch neu orientierten. Es sind aber fast vierzig Jahre verstrichen, bis die Betroffenen in einer breiten Öffentlichkeit Gehör gefunden haben.

Wir setzen uns zusammen mit unseren Einrichtungen dafür ein, dass die Betroffenen therapeutisch  und seelsorgerlich begleitet werden. Außerdem lassen wir eine wissenschaftliche Dokumentation über die damalige Situation in den Heimen erstellen, auch um weitere Konsequenzen aus den Versäumnissen der Vergangenheit zu ziehen.

3. Uns beschämt, dass Mitarbeitende in den Einrichtungen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe oft  unzureichend qualifiziert waren, ihre Einbindung in ein streng hierarchisches System oft demütigend  und die personelle Besetzung unzureichend war. Wir achten die Mitarbeitenden, die unter schwierigen Bedingungen Gutes wollten und dies auch erreicht haben. Wir wissen, dass viele ehemalige Mitarbeitende bis heute unter Schuldgefühlen leiden.

Wir setzen uns gemeinsam mit unseren Einrichtungen dafür ein, dass unsere Mitarbeitenden qualifiziert ausgebildet sind und ständig entsprechend dem aktuellen Bedarf fortgebildet werden. Dazu brauchen die Teams und die Leitungen der Einrichtungen eine permanente Supervision und ein ständiges Beratungsangebot. Grundvoraussetzung ist, dass unsere Einrichtungen die Besetzung haben, die den berechtigten Ansprüchen der Jugendlichen und Kinder gerecht wird.

4. Uns beschämt, dass die Heime der Jugendfürsorge oft nicht auskömmlich finanziert waren. Deshalb erhielten die dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen keine adäquate Ausbildung, sondern mussten für ihre tägliche Versorgung oft hart arbeiten.

Wir setzen uns dafür ein, dass Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Jugendhilfe eine qualifizierende Ausbildung erhalten und alle Kosten ihres Aufenthaltes durch die Solidargemeinschaft gedeckt sind.

5. Uns beschämt, dass die staatliche Einweisungspraxis oft leichtfertig war, dass es an einer  kompetenten Heimaufsicht gefehlt hat und das Miteinander von Jugendämtern und Fürsorgeeinrichtungen meist unreflektiert und unkritisch gestaltet wurde.

Wir setzen uns gemeinsam mit dem Gesetzgeber dafür ein, dass die Lebenssituation der Betroffenen und die Arbeitssituation der Mitarbeitenden sowohl durch die staatliche Heimaufsicht als auch durch eine kritische Begleitung und Beratung ständig verbessert werden.
Wir, die kirchlichen und diakonischen Einrichtungen wissen heute, dass bei der Erziehung und Förderung vieler Kinder und Jugendlicher, die uns in den Erziehungseinrichtungen anvertraut waren, vielfach versagt wurde. Wir bitten bei den betroffenen ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnen um Entschuldigung und Vergebung.

Wir haben aus der Vergangenheit gelernt. Deshalb setzen wir uns in unseren Einrichtungen konsequent für eine Pädagogik ein, die erfahrbar von der bedingungslosen Annahme jedes Menschen durch die Liebe Christi geprägt ist.


Für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers
Dr. Margot Käßmann
Landesbischöfin

Für das Diakonische Werk
der Evangelisch-lutherischen
Landeskirche Hannovers e.V.
Dr. Christoph Künkel
Direktor

Hannover, 7. Oktober 2009

 

 

Stellungnahme einiger User aus dem Forum der Diakonie zu dieser Erklärung:

 

Helmut:

Ein kurzer Weg von der Scham zur Schamlosigkeit

Evangelische Scham über die Verbrechen an Kindern und Jugendlichen in den drei Nachkriegsjahrzehnten ist nichts Neues. Bereits am 10. März 2006 erfüllte es Bischof Wolfgang Huber mit Scham darüber, was ihm alles zu Ohren und vor die Brille kam. Landesbischöfin Margot Käßmann schämte sich bereits im Januar 2009 „dafür, dass in unseren Heimen so etwas vor sich gegangen ist und Kinder wirklich auch gebrochen wurden in ihrem Willen, und ihre Würde derart verletzt wurde.“, und schob bereits die Entschuldigung vorweg: „Ich kann öffentlich sagen, dass ich mich entschuldige, ...“ Der Bedarf an Scham und Entschuldigung ist also gedeckt.

Vergebung kann natürlich nur gewährt werden, wenn Zeichen der Reue und Wiedergutmachung sichtbar werden. Nicht nur, dass es daran nach wie vor mangelt, nein – nach der Scham folgt die Schamlosigkeit auf dem Fuße.

Wenn Diakonie-Direktor Christoph Künkel - obwohl die Druckerschwärze der gemeinsamen Erklärung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und des Diakonischen Werkes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers e.V. noch an den Fingern klebt - bereits dicke Felsbrocken vor berechtigte Entschädigungsforderungen karrt, kann das Schamgefühl so groß nicht sein. Künkel ist sich seiner Worte bewußt, wenn er die Verzögerungsformel "die Diakonie lehnt eine pauschale Entschädigung ab" wiederholt. Die Umsetzung individueller Wiedergutmachung nach den Vorstellungen beider Kirchen wird mehr als die Hälfte der Opfer nicht mehr erleben.
Eine besondere Schamlosigkeit ist die erneute Flucht unter die Stühle des Runden Tisches. Zwar hat die Kirche den Dreck (Verbrechen) angerichtet, aber der Staat soll die Sauställe (Folgen der Verbrechen) ausmisten. Damit selbst das nicht so schnell passiert, schwadroniert Künkel von irgendwelchen notwendigen Gesetzesänderungen. Dreister kann die Scham nun wirklich nicht zur Schamlosigkeit verkommen. "Wir richten uns, was Entschädigungszahlungen anbelangt, nach den Ergebnissen des Runden Tisches", soll ein Sprecher der Landeskirche gesagt haben. Also gilt auch hier das Sankt Floriansprinzip: „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!“
Dabei sind Möglichkeiten für erste Reue und Wiedergutmachung reichlich vorhanden. Die Kirchen könnten selbst einen „Feuerwehrfond“ einrichten und aus einer Jahreskollekte - zum Beispiel zum Buß- und Bettag - speisen. Schließlich haben viele ältere Gemeindeglieder fest die Augen zugedrückt, damit sie das Elend in den Heimen nicht sehen. Einige hunderttausend Eltern müssen wohl ihre Zöglinge in eben diesen verkommenen Heimen abgeliefert haben. So ist eine solche Kollekte mehr als berechtigt.
Ein preiswertes Zeichen der Reue wäre der Druck des Hannoverschen Schuldbekenntnisses vom 7. Oktober 2009 auf Messingplatten und der Aushang in kirchlich geführten niedersächsischen Heimen - den Opfern zum Gedenken und den dort Tätigen zur Mahnung, dass ihnen heute auf die Finger geschaut wird.
Von den Kirchen ist mehr Kreativität in der Umsetzung ihres Schuldbekenntnisses gefordert. Die Evangelische Stiftung Volmarstein macht vor, wie man mit wenigen Mitteln echte Reue dokumentieren und Opfer zur Versöhnungsbereitschaft bewegen kann.

 

Jomi

Herr Dr. Künkel sprach die wichtigen Worte der Schuldanerkenntnis. Vielleicht fehlte ihm die Scham über das, was im Namen der evangelischen Kirche vor Jahrzehnten an uns Kindern verbrochen wurde. Nur weiss ich auch, dass ich keinen Menschen auffordern kann sich zu schämen. Er hat als Funktionär des Diakonischen Werkes die Schuld anerkannt, was ihm ganz sicher nicht leicht gefallen ist. So nimmt es, liebe Oerni, nicht Wunder, dass hinter jedem Bekenntnis der Scham sofort hintangestellt wurde, wie es heute angeblich ist. Ich hatte sofort das Gefühl, dass dieser Vergleich in die heutige Zeit seiner Selbstachtung geschuldet war.
Ich denke, dass es manchmal auch gut sein kann, eine Pause zu machen und bewusst einen notwendigen Prozess zu entschleunigen, um die Wirkung eines Wortes sich entfalten lassen zu können. Hier mag etwas Sensibilität gefehlt haben - aber so nun mal viele Männer (alle Schreiber hier im Forum sind davon ausgenommen).


 

Commont:

Gemeinsame Erklärung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und des Diakonischen Werkes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers e.V. zu der Situation in Heimen der Jugendfürsorge in den 50er und 60er Jahren

Mit Trauer (kein guter Begriff, „Verschiedene werden betrauert“, Trauer impliziert, dass „es vorbei ist“) stellen wir fest, dass in unseren Einrichtungen der Jugendfürsorge (ungenau: KINDER- und Jugendfürsorge, es wurden KINDER und Jugendliche „schlecht behandelt“, aufschlussreich man vermeidet den Begriff "Kinder") in den 50er und 60er Jahren schlimmes Unrecht geschehen ist.

1. Uns beschämt, dass in den 50er und 60er Jahren unser christlicher Anspruch von der Wirklichkeit oft nicht gedeckt wurde.(das ist viel zu passiv, konkrete Personen haben AKTIV wiederholt Unrecht an schwachen und macht- u. hilflosen Anvertrauten begangen) Insbesondere sehen wir, dass es häufig zu Gewaltanwendungen kam, ein oft massiver psychischer Druck herrschte und in den Heimen nicht individuell fördernd auf die Kinder und Jugendlichen eingegangen worden ist. Dadurch ist die Würde der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen oft nachhaltig verletzt und ihr Leben beschädigt („nicht ihr Leben ist beschädigt worden“, die Menschen selbst wurden für ihr Leben „beschädigt“ bis ZERSTÖRT, ihrer Chancen beraubt) worden.
Wir setzen uns dafür ein, dass in unseren Einrichtungen ohne Gewalt, in einer Atmosphäre des Respekts, einfühlsam und achtsam miteinander umgegangen wird. Wir wollen die Fähigkeiten und Entwicklungspotentiale des Einzelnen fördern. (soviel zu „heute“, Problem nur: genau das hat man auch „damals“glauben gemacht)

2. Uns beschämt, dass die bedrückenden Einzelschicksale über lange Jahre verschwiegen und weder aufgearbeitet noch öffentlich gemacht wurden. (von wem? es wurde auch ignoriert und „nicht geglaubt“) Die ersten Veröffentlichungen in der Mitte der 60er Jahre wurden nur wenig beachtet. Sie trugen jedoch dazu bei, dass unsere Einrichtungen sich damals pädagogisch neu orientierten. (so einfach ist das nicht und die Resultate der sog. „Heimkampagne“ (68er; vgl. Kappeler) sind durchaus ambivalent) Es sind aber fast vierzig Jahre verstrichen, bis die Betroffenen in einer breiten Öffentlichkeit Gehör gefunden haben.
Wir setzen uns zusammen mit unseren Einrichtungen dafür ein, dass die Betroffenen therapeutisch und seelsorgerlich begleitet werden. (das ist der kritischste Punkt: seine „Seelsorge- und Betreuungsmonopol will man nicht aufgeben, welches Opfer will vom „Täter“ (oder dessen direkten Nachfolgern) „betreut“ werden?)  Außerdem lassen wir eine wissenschaftliche Dokumentation über die damalige Situation in den Heimen erstellen, auch um weitere Konsequenzen aus den Versäumnissen der Vergangenheit zu ziehen (das suggeriert das „eine“ wiss. Dokumentation ausreichen könnte, wichtig wäre hier auch: von UNABHÄNGIGEN Wissenschaftlern, die die Äußerungen der Betroffenen, ja die Betroffenen selbst einbinden).

3. Uns beschämt, dass Mitarbeitende in den Einrichtungen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe oft unzureichend qualifiziert waren, ihre Einbindung in ein streng hierarchisches System oft demütigend und die personelle Besetzung unzureichend war. Wir achten die Mitarbeitenden, die unter schwierigen Bedingungen Gutes wollten und dies auch erreicht haben. (die ehemals Betroffenen auch) Wir wissen, dass viele ehemalige Mitarbeitende bis heute unter Schuldgefühlen leiden.(ehrlich ?: deren Schuldgefühle, wenn überhaupt vorhanden, sind NICHT DAS THEMA)
Wir setzen uns gemeinsam mit unseren Einrichtungen dafür ein, dass unsere Mitarbeitenden qualifiziert ausgebildet sind und ständig entsprechend dem aktuellen Bedarf fortgebildet werden. Dazu brauchen die Teams und die Leitungen der Einrichtungen eine permanente Supervision und ein ständiges Beratungsangebot. Grundvoraussetzung ist, dass unsere Einrichtungen die Besetzung haben, die den berechtigten Ansprüchen der Jugendlichen und Kinder gerecht wird.

4. Uns beschämt, dass die Heime der Jugendfürsorge oft nicht auskömmlich finanziert waren .(„Finanziert“ ist ja nun ein „doller Euphemismus“, sobald betriebswirtschaftlich nicht mehr auskömmlich genug, wurden schlicht „Kosten“ gespart oder die Betroffenen mussten es anderweitig irgendwie ausbaden, heute veröffentlichte Rechnungen sind einseitig, auch waren diese Einrichtungen – bis heute – PROFITCENTER) Deshalb erhielten die dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen keine adäquate Ausbildung, sondern mussten für ihre tägliche Versorgung oft hart arbeiten. (das ist mir viel zu schlicht, Ursache war das schlichte Menschenbild, das in christlichen Einrichtungen herrschte: „Kinder der Sünde“ oder „Grobzeug kommt von Grobzeug, bleibt Grobzeug und bringt Grobzeug hervor“) Wir setzen uns dafür ein, dass Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Jugendhilfe eine qualifizierende Ausbildung erhalten und alle Kosten ihres Aufenthaltes durch die Solidargemeinschaft gedeckt sind.

5. Uns beschämt, dass die staatliche Einweisungspraxis oft leichtfertig war, dass es an einer kompetenten Heimaufsicht gefehlt hat und das Miteinander von Jugendämtern und Fürsorgeeinrichtungen meist unreflektiert und unkritisch gestaltet wurde. (auch hier „gestaltet“, klingt mir viel zu „nett“, das war ein „sozialer Sumpf“) Wir setzen uns gemeinsam mit dem Gesetzgeber dafür ein, dass die Lebenssituation der Betroffenen und die Arbeitssituation der Mitarbeitenden sowohl durch die staatliche Heimaufsicht als auch durch eine kritische Begleitung und Beratung ständig verbessert werden(man kann doch nicht so tun, wenn man Heime betreibt, das man nur „Intermediär“, „Katalysator“ wäre und ist, man hat personale Verantwortung für jeden einzelnen der anvertrauten Menschen, die Welt als „Aquarium in dem man selbst nicht schwimmt? von dem man selbst nicht profitiert? liebe Leute, die Gehälter der Kirchenoberen stammen letztlich alle aus der gesell. Wertschöpfung, an der sie direkt NICHT teilnimmt)
Wir, die kirchlichen und diakonischen Einrichtungen wissen heute, dass bei der Erziehung und Förderung vieler Kinder und Jugendlicher, die uns in den Erziehungseinrichtungen anvertraut waren, vielfach versagt wurde. Wir bitten bei den betroffenen ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnen um Entschuldigung und Vergebung.
Wir haben aus der Vergangenheit gelernt. Deshalb setzen wir uns in unseren Einrichtungen konsequent für eine Pädagogik ein, die erfahrbar von der bedingungslosen Annahme jedes Menschen durch die Liebe Christi geprägt ist. (dieser Satz liegt allein im Interesse der Kirchenleitung und deren Zukunft)
Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann
Diakonie-Direktor Dr. Christoph Künkel

Hannover, 7.Oktober 2009


ALL,

ja, der zweite Blick lohnt wirklich. Was da auf den ersten Blick als „Fortschritt“ für die Betroffenen daher kommt weckt den Verdacht „feiner Kirchendiplomatie“.


Konkret bedeutet das, dass die Kirchen „unabhängige“ Köpfe in ihrem Fürsorgesumpf nachschauen lassen müssen. Denn: Wer die „Musik bestellt, sagt auch, wo es lang geht“.

Die Prolongierung eines „Seelsorgemonopols“ ist eine offene Beleidigung für die Opfer. Auch hier: unabhängige Therapeuten und Einrichtungen bei Bedarf. Es wäre eine Schande, wenn die ehemaligen „Fürsorgezöglinge“ ein zweites Mal einen Beitrag zum „Deckungsbeitrag“ der Kirchen erbringen sollen, indem sie die bei ihnen angerichteten Schäden dann auch noch bei der Kirche versuchen „reparieren“ zu lassen.

Der letzte Satz ist mit der aufschlussreichste. Persönliches Leid, Schuld und Versagen ist kein Imageproblem. Dieser Verdacht darf erst gar nicht entstehen.

c.

 

Helmut:

 

Eine frohe Botschaft
vorweg: Die Unterzeichner der Erklärung haben den Heimopfern einen Neuaufguss
des „Stuttgarter Schuldbekenntnisses“ erspart. Vor etwa 64 Jahren formulierten
evangelische Kirchenmänner folgendes Entschuldigunggestammel für ihr Versagen
in der NS-Zeit:Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen
Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen
Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns
an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher
geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“


Allerdings klingt
das Gestammel heute ähnlich. Zunächst ist 5 mal festzustellen, dass es die
Unterzeichner beschämt, was sie zwei, drei Sätze weiter wieder beschönigen.

Zuvor herrscht
kollektive Trauer über die Feststellung, dass in kirchlichen Heimen „schlimmes Unrecht geschehen ist“. Hier
wird nicht etwa darüber getrauert, dass in vielen kirchlich geführten Heimen
schlimmste, justitiable Verbrechen zwischen ungesetzlichen Prügelorgien und
ungesetzlichen sexuellen Verbrechen stattgefunden haben. Einzig und allein der
Grund, dass die Opfer sich 40 bis 60 Jahre geschämt haben, über diese
Verbrechen, selbst im engsten Familienkreise, zu sprechen, bewahrte tausende
Folterknechte unter der Schirmherrschaft der Kirche vor der Anklagebank und
erheblichen Strafen. So ist diese Trauer keine ernstzunehmende Gefühlsregung,
weil sie den Grund der Trauer unanständig verharmlost.

In Punkt 1
jammern die Unterzeichner, „dass in den
50er und 60er Jahren unser christlicher Anspruch von der Wirklichkeit oft nicht
gedeckt wurde.“
Dazu ist festzustellen: Die evangelische Kirche hat mit
jedem Heimopfer einmal mehr Jesus Christus ans Kreuz genagelt. Sie hat die Bergpredigt
in den Dreck gezogen, das Gebot christlicher Nächstenliebe täglich in
irgendwelchen ihrer Heime mit Füssen getreten, gegen die meisten der Zehn
Gebote verstoßen, - und es bis heute nicht geschafft, gemäß dem Gebet Jesu, das
er seinen Jüngern lehrte, dem „Vater unser“, aufrichtig um Entschuldigung zu
bitten.

Noch im selben Punkt
1 schwadronieren die Unterzeichner über häufige Gewaltanwendungen, massiven
psychischen Druck und, dass „in den Heimen
nicht individuell fördernd auf die Kinder und Jugendlichen eingegangen worden
ist.“
Ehrlich hätte es heissen müssen: Oft wurden Kinder und Jugendliche
bis zur Besinnungslosigkeit zusammengeschlagen, man hat sie permanent bedroht
und geängstigt und darum keine Zeit gefunden, sie schulisch und beruflich zu
fördern.

Danach wieder eine
Verharmlosung der Folgen der kirchlich übersehenen Schäden an den Jugendlichen:
„Dadurch ist die Würde der uns
anvertrauten Kinder und Jugendlichen oft nachhaltig verletzt und ihr Leben
beschädigt worden.“
Aufrichtig hätte es heißen müssen: Wir haben die uns
Anvertrauten gebrochen, wir haben ihren Willen gebrochen, wir haben ihre
natürliche Wehrhaftigkeit gebrochen und sie aller Chancen für ein würdiges soziales,
berufliches und gesundes Leben in der Gesellschaft beraubt. Wir haben sie dazu gedrillt,
dass sie heute oft über ihre Mitopfer herfallen und sich gegenseitig
zerfleischen, statt sich mit ihren Peinigern auseinander zu setzen.

Unter Punkt 2
schämen sich die Unterzeichner, dass sie Jahrzehnte Einzelschicksale
verschwiegen haben. Wahr ist aber auch, dass Opfer, die sich endlich trauten,
ihre Peiniger und Gefängnisse namentlich zu nennen, mit Verleumdungsklagen eingedeckt
wurden, dass man versuchte, sie mundtot zu machen. Fast wäre es ihnen gelungen.
Stiller Helfer der Opfer war und ist das Internet. Heute geraten Verbrechen an
Kindern und Jugendlichen nicht darum so schnell in Vergessenheit, weil
Buchauflagen in den 60er Jahren ausliefen und die Erinnerung löschten. Zur
Wahrheit gehört auch: Die Kirchen geben nur zu, was nicht mehr zu leugnen ist.
Selbst dann noch verharmlosen sie, relativieren sie und verniedlichen sie. Aber
sie tragen in jeder Stellungnahme die heutige Situation wie eine Monstranz vor
sich her, nach der jetzt alles besser sein soll. Schön wäre es. Auch hier
belehren uns die Meldungen im Internet eines Besseren.

In Punkt 3 bejammern
die Unterzeichner mit der geschwollenen Formulierung „dass Mitarbeitende in den Einrichtungen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe
oft unzureichend qualifiziert waren“
, dass sie Nieten auf hilflose Kinder
und Schlägertrupps auf junge Männer und Frauen losgelassen haben. Sie
verschweigen ebenso, dass in den Heimen ein Klima geschaffen und permanent
gepflegt wurde, welches die Selbstjustiz und willkürliche Bestrafung der Opfer
untereinander förderte, damit sich die angeblich im Dienste Jesu Stehenden
nicht immer selbst die Hände schmutzig machen mussten. Fast weinerlich schieben
sie hinterher: „Wir achten die Mitarbeitenden,
die unter schwierigen Bedingungen Gutes wollten und dies auch erreicht haben. Wir
wissen, dass viele ehemalige Mitarbeitende bis heute unter Schuldgefühlen
leiden.“
Für die Heimopfer bedeuten diese Sätze: Thema verfehlt!
Anständiger hätte es wie folgt heissen müssen: „ Wir achten die Heimopfer, die unter schwierigen
Bedingungen Gutes wollten und dies auch erreicht haben. Wir wissen, dass viele
ehemalige Heimkinder und -Jugendliche
bis heute unter Schuldgefühlen leiden.“

Unter Punkt 4
sind natürlich wieder andere Schuld. Staat und Gesellschaft haben die Betriebe
der Kirche zu schlecht finanziert. Fakt ist: Die Kirchen reißen sich stets
Aufgabengebiete unter die Nägel, mit denen sie nicht fertig werden. Dabei machen
sie von ihrer Macht dem Staat und der Regierung gegenüber keinen Gebrauch; sie
fordern nicht die Gelder, die notwendig sind, um ihnen anvertraute Kinder und
Jugendliche unter Berücksichtigung der Menschenwürde zu erziehen und sie auf
ein Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Eine Verhöhnung ist die mit dem
fehlenden Geld gekoppelte Rechtfertigung für Kinderarbeit, für Sklavenarbeit,
für Zwangsarbeit. Völlig außer acht gelassen werden die damit verbundenen
ständigen Repressalien und Misshandlungen, die in der Konsequenz zu schweren
körperlichen und seelischen Behinderungen geführt haben, - für einige bis zu
ihrem Lebensende.

Unter Punkt 5
des Jammerns zeigen die kirchlichen Finger anklagend auf die oft leichtfertige
staatliche Einweisungspraxis. Weitere Finger auf andere Schuldige richten sich gezielt
auf die fehlende Heimaufsicht. Ehrlicher wäre es gewesen, sich dafür zu
schämen, „dass wir die staatliche Einweisungspraxis nie kritisch hinterfragt,
kritische Einweisungen nicht kritisiert und es Unterlassen haben, Einweisungen
überhaupt auf den Sinn dieser Einweisung zu überprüfen. Wir haben alles
gefressen, was uns vor die Zähne geschmissen wurde. Wir selbst haben unsere
Aufsichtspflicht nicht wahrgenommen.“

Unter jedem Punkt
finden sich Versprechen darüber, was die Kirche zukünftig alles besser machen
will. Das frechste Versprechen ist die Einladung, die Opfer therapeutisch und
seelsorgerlich zu begleiten. Genauso kann
man ein Lamm in den Löwenkäfig schmeissen, damit es dort eine Angsttherapie
erfährt. Was in dieser Erklärung völlig fehlt: Die Reue, die Buße, auch nur
geringste Anzeichen eines Willens zur Wiedergutmachung.

Bischöfin Margot Käßmann
hätte den Mitunterzeichner Christoph Künkel am Schlafittchen nehmen, ihn
mit zur Regierungschefin schleifen und dort vortragen sollen: Wir haben Mist
gebaut, ihr aber auch. Lasst uns den Dreck gemeinsam zusammenkehren. Wir, die
Kirche, verkaufen unsere Grundstücke; ihr greift den Wohlstandsbürgern in die Tasche,
damit den Opfern ein menschenwürdiges Altern finanziert wird.

Statt dessen haben Käßmann und Künkel nur geschwätziges
Papier produziert.

Helmut Jacob
12. Oktober 2009


 

blupp:

 

Entschuldigung von Kirche und Diakonie - der entscheidende Absatz wurde leider nicht verlesen :)

2a. Uns beschämt, dass wir Heimkinder in unserer Obhut jahrelang betrogen haben: Um ihre Kindheit und Jugend, um Liebe und Geborgenheit, um Gesundheit und körperliche Unversehrtheit, um sexuelle Selbstbestimmung und ein erfülltes Leben, um einen Lohn für die Schwerstarbeit, zu der wir sie gezwungen haben, um die Abgaben an die sozialen Kassen, die ihnen heute in ihren Renten fehlen.
Wir setzen uns mit unseren Einrichtungen dafür ein, dass die derart Betrogenen in angemessener Form und Höhe finanziell enschädigt werden. Wir wollen und wir werden diese Entschädigung leisten ohne Ansehen der Person und ohne eine Einzelfallprüfung vorzunehmen. Des weiteren setzen wir uns ein für einen in ausreichender Höhe ausgestatteten Fond, aus dem Trauma- und andere Therapien in erforderlichem Ausmaß und benötigter Länge finanziert werden. Für den Fall dass ehemalige Heimkinder seelsorgerischen Beistand von uns erbitten, werden wir diesen leisten.

Kontrapunkt

„Wir, die kirchlichen und diakonischen Einrichtungen wissen heute, dass bei der Erziehung und Förderung vieler Kinder und Jugendlicher, die uns in den Erziehungseinrichtungen anvertraut waren, vielfach versagt wurde.“

Der Satz steht. Lassen wir ihn auch so stehen.
Die jungen Menschen waren anvertraut und die kirchlichen und diakonischen Einrichtungen haben versagt. Zwar erscheint dieses Versagen in der abgeschwächten Form „versagt wurde“ was nochmals relativiert wird mit „vielfach“ – aber immerhin: hier wird nicht mehr von bedauerlichen Einzelfällen gesprochen.

Was mich stört ist, dass das Subjekt des Versagens verschwimmt: es wurde versagt, auch wenn das Wort „es“ nicht erscheint.Im Sinne einer Aufarbeitung sollte hier noch genauer hingeschaut und letztlich auch bekannt werden. Das „Es“ ist die „Erziehung und die Förderung“. Dies erscheint mir jedoch zu kurz gegriffen, außer die Verantwortlichen sind heute bereit kritisch zu schauen, wer die Rahmenbedingungen dieser Erziehung und Förderung soweit akzeptiert und mit betrieben hat, dass er die Verantwortung innerhalb dieser Bedingungen auch übernahm und in der Nachfolge heute übernimmt.

Aus diesem Satz sollte auch nicht herausgelesen werden, dass die kirchlichen und diakonischen Einrichtungen damals das Versagen nicht hätten erkennen können ("Wir ... wissen ... heute“). Wenn wir aus der Gegenwart beurteilen ist es immer ein Heute, daher lässt es mich aufhorchen, dass diese Selbstverständlichkeit nochmals hervorgehoben wird. Also nochmals: damals wussten die diakonischen und kirchlichen Verantwortungsträger und hatten somit immer schon ihr Handeln zu verantworten. Ich möchte mal unterstellen, dass diese Position auch von Herrn Dr. Künkel und Frau Dr. Käßmann so geteilt wird.

„Wir bitten bei den betroffenen ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern um Entschuldigung und Vergebung“.
Diese Bitte äußern als Vertreterin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers Frau Dr. Käßmann und für das Diakonische Werk der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers Herr Dr. Künkel. Damit wird m.E. anerkannt, dass das Versagen nicht nur das Versagen des einzelnen sog. Erziehers war, sondern dass hier Institutionen und deren damalige Vertreter versagt haben und Schuld auf sich genommen haben.

Ich sehe diese Anerkennung von Schuld als einen großen Schritt an, der hier von der Landeskirche und dem Diakonischen Werk gegangen wurde. Dass die Formulierungen klarer hätten ausfallen können, mag ich mir als ehemaliges Heimkind wünschen, vielleicht ist hierfür aber auch die Zeit noch nicht reif.

Ohne an den einzelnen Worten dieser Erklärung zu kleben ist mir auf Anhieb jedoch aufgestoßen, dass die hinleitenden fünf Punkte zur Entschuldigung in einer Art aufgebaut sind, die mich befremdet. So beginnt jeder Punkt mit „Uns beschämt ...“ und endet mit „Wir setzten uns ...dafür ein...“. Diesen Aufbau der Hinführung zur Anerkennung der Schuld finde ich auch heute noch unglücklich gewählt. Gleich hatte ich folgende Assoziationen: hier wird psalmodiert. Aber auch: hier kämpfen zwei Seelen miteinander. Die eine Seele will bekennen, die andere sofort relativieren, kaum dass das Bekenntnis formuliert ist. Man könnte sagen, im ersten Teil bekennt die Landeskirche, im zweiten Teil rechtfertigt das Diakonische Werk: Wir haben verstanden, wir tun was. Dies zur schwierigen Grundstruktur des Aufbaus der Erklärung. Vielleicht liegt aber auch gerade in diesen zwei Seelen eine Chance, wenn wir akzeptieren, dass Landeskirche und Diakonie – ich sage es mal so – anders ticken dürfen.

Vieles ist zur gemeinsamen Erklärung über den Inhalt geschrieben worden und ich will mich nicht wiederholen. Ergänzen darf ich aber folgende Überlegungen:

Ziffer 3 der Erklärung:
Diesen Punkt finde ich sehr wichtig, zeigt er doch auf, dass die strukturelle Verantwortung für den Missbrauch an den Kindern und Jugendlichen eben gerade bei der Kirche bzw. der Diakonie lag und nicht nur beim einzelnen Täter. Ich weiß, dass es vielen von uns schwer fällt zu akzeptieren, dass auch die sog. Erzieher und Erzieherinnen teilweise Opfer dieses Systems waren die uns wieder zu Opfern machten. Größer könnte das Schuldanerkenntnis für mich aber nicht ausfallen. Endlich wird bekannt, dass Bedingungen hergestellt wurden, die aus Menschen Wölfe (Bestien) machten. Jeden Satz dieser Ziffer kann ich unterschreiben. Dennoch gilt weiterhin auch die individuelle Schuld dieser Täter.

Ziffer 4 irritiert mich. Wieso schämen sich Kirche und Diakonie, dass deren Heime nicht ausreichend finanziert wurden? Mich würde beschämen, dass ich als Träger nicht skandaliert habe, dass mit einer derartigen Finanzierung eine ausreichende Erziehung und Förderung der jungen Menschen unmöglich ist. Die dann folgende Kondition ist schlichtweg falsch und in dieser Formulierung auch gefährlich! Freistatt war nicht von vorneherein ein Verstoß gegen die Menschenrechte, weil Jugendliche in dieser Zeit ihren Anteil zum Unterhalt beitrugen, sonder der Verstoß lag doch in der Art und Weise der Beaufsichtigung und Sanktionierung. Hier sollte besser differenziert werden.


Nachüberlegung:

Was wird die Kirche in 40 Jahren sagen, wenn Nachfolger erkennen, dass die zeitgetaktete Beziehung im Bereich der Behinderten- und Altenhilfe ein Verstoß gegen die Menschenwürde war. Wird sie dann wieder sagen: Uns beschämt, dass die Heime der Behinderten- und Altenhilfe nicht auskömmlich finanziert waren. Wo wird die Würde des Menschen heute definiert und was sind entsprechend dem Proprium der Kirche die Grenzen, die durch nicht ausreichende Finanzierung nicht unterschritten werden dürfen. Hier wird sich Kirche fragen lassen müssen, ob sie sich wirklich für die ihnen anvertrauten Menschen ausreichend eingesetzt hat.

Trotz meiner auch kritischen Töne:
Hannover war ein wichtiger Tag in der Aufarbeitung der Heimzeit und ein wichtiger Tag für ein Aufeinander-Zugehen. Aber wie schon Dr. Künkel bestätigte: dies kann nur ein erster Schritt sein, weitere müssen folgen. Wer wird sie gehen?

Hannover birgt in sich die Chance über die Landeskirche hinauszuweisen. Hier sind die anderen Kirchen und Diakonischen Werke gefordert.

Zum Schluss noch etwas Persönliches: ich hatte für mich wichtige Begegnungen mit Menschen, die mich einen Schritt weitergebracht haben. Der Gottesdienst war ein wichtiger Abschluss weil er Raum ließ, der Not wendete. Für mich war der Ausklang mit der Orgel nochmals ein Angebot jenseits des Aussprechlichen – Brücke zu etwas, was Versöhnung werden kann.

Gruß
Jomi

 

 

 

 

 

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