Anforderungsprofil an sogenannte Erzieher 1955
Waldheimat Werther. 50 Jahresfest. 1. Auflage. Werther, 1955,
Aus der Festschrift:
Unser Dienst in der Waldheimat
Trotz aller Stürme und Wirren, die über unser deutsches Land dahingegangen sind, und die auch unsere „Waldheimat“ jeweils geschüttelt haben, ist in allem Wechsel das Ziel alles Wirkens in unserem Hause das gleiche geblieben: jungen Mädchen, die durch eigene oder fremde Schuld in Gefahr kamen, zu helfen, wieder in das rechte Verhältnis zu Gott und Menschen, zur Arbeit und Freude zu kommen. Die alte Lebensregel: „Bete und arbeite“ besteht zu Recht. Die beste Hilfe, wieder in eine feste Lebensordnung zu kommen, ist die Arbeit. Darum bemühen wir uns, die Mädchen mit allerlei praktischer fraulicher Arbeit zu beschäftigen. Das geschieht einmal, damit ihre Zeit nutzbringend ausgefüllt ist, denn: Müßiggang ist aller Laster Anfang“, dann aber vor allem auch darum, daß die Mädchen arbeitend lernen. Die Arbeit ist möglichst vielseitig aufgegliedert. Neben der Instandhaltung und Säuberung des Hauses, dem Kochen und Backen, dem Stopfen und Flicken, dem Waschen und Bügeln, dem Füttern und Melken, dem Säen und Ernten wird Gelegenheit gegeben, sich mancherlei Kenntnisse anzueignen, die den Mädchen erst in späteren Jahren im Berufsleben oder als Hausfrau zugute kommen. In welcher Gruppe die Mädchen auch sind, immer kommt es darauf an, daß sie es lernen, in geordnetem Tageslauf und fröhlichem Zusammenleben zu stehen. Einzelgespräche, Teilnahme am Konfirmandenunterricht, Bibelstunde und Gottesdienste unserer Gemeinde, unsere Feste und Freuden, Gesang und Flötenspiel, alles soll dem einen dienen, frei zu werden, Kraft zu schöpfen aus Gottes Barmherzigkeit. Das war schon beim Beginn unserer Arbeit hier vor 50 Jahren so. Es kann heute nicht anders sein. Wenn im Lauf der fünf Jahrzehnte sich doch manches gewandelt hat, so ist das nur ein Zeichen, daß das Heimleben nicht hermetisch abgeschlossen ist von dem Leben der Öffentlichkeit. Das ist Hilfe und Not zugleich. Mit Radio, Film und manchem andern, das der Zeit entsprechend auch Eingang in unser Heim gefunden hat, hat sich neben der Bereicherung durch diese Einflüsse und Eindrücke aber auch die große Unruhe und mangelnde Konzentrationsfähigkeit unserm Heimleben mitgeteilt. Wohl liegt unser Heim am Rande des Städtchens in Waldesstille und –frieden, aber wir hören und sehen den Lärm des öffentlichen Lebens. Und ständig ist irgend etwas da, was ablenkt. Dazu kommt die verkürzte Heimzeit. Wenn ursprünglich im Rahmen der staatlichen Fürsorgeerziehung oft zwei bis drei Jahre zur Verfügung standen, so haben wir dadurch, daß wir jetzt ein Heim für freiwillige Erziehungshilfe sind, die Mädchen heute in der Regel nicht länger als ein Jahr. Für ein Jahr haben die Eltern freiwillig ihr Einverständnis erklärt. Nach dem mühsamen ersten Vierteljahr des Einlebens wird die Frage: „Wann komme ich heraus?“ lauter erhoben als die uns wichtiger dünkende: „Was kann ich hier lernen?“ Das weitgehend zerstörte Familienleben in unserm Volk, Ehescheidungen und Krieg haben viele junge Menschen heimatlos und verwaist werden lassen. Ohne den schützenden Halt der Familie und Heimat, ohne Gebundenheit in Gottesfurcht, ist die Zahl der verwahrlosten und gefährdeten Jugendlichen von Jahr zu Jahr größer geworden. Dadurch drängen Ämter und Behörden mehr und mehr, daß die Heimzeit durch Indienstgabe oder Entlassung ins Elternhaus verkürzt werden möge, um Platz zu schaffen für neue Einweisungen. Der starke Wechsel bringt eine große Unruhe. Das ist nicht gut. (Kommentar von Oerni: an anderer Stelle wird der starke Wechsel ab 1946 angegeben)
Um diese Unruhe ein wenig einzudämmen, führen wir unsere Mädchen nicht in der Art einer Haushaltungsschule in vier- bis achtwöchigem Wechsel über die verschiedenen Abteilungen unseres Hauses, sondern wir lassen die Mädchen möglichst lange in der gleichen Gruppe. So lernen sie zwar nicht alles, aber was sie lernen, lernen sie gründlicher. Wenn im öffentlichen Leben jede ordentliche Lehre drei Jahre umfaßt, so können wir nicht in einem Jahr alles lehren, handelt es sich doch zumeist um junge Mädchen, die durchaus nicht immer willig sind, zu lernen. Es erscheint uns auch wichtig, daß die Mädchen möglichst lange in der Führung der gleichen Erzieherin bleiben. Die charakterliche Förderung kann nicht erfolgen, wenn in kurzfristigem Wechsel ein neues Sichkennenlernen nötig ist.
Diese Handhabung aber stellt hohe Forderungen an die Erzieherin. Es ist notwendig, daß sie selbst vielseitig tüchtig ist, damit sie die Mädchen auch möglichst vielseitig anleiten und fördern kann. Aber in erster Linie sollte sie mütterlich sein, ein offenes Ohr und aufmerksames Auge haben, die innere Not der Mädchen zu erfühlen und sie aus ihrer Belastung und Verirrung herauszuführen. Sie muß beweglich und aufgeschlossen sein und bleiben, die Bedürfnisse eines jungen Menschenherzens zu verstehen und zu lenken.
Wo kann sie das lernen? So wichtig ihre Ausbildung als Heimerzieherin ist, wichtiger ist, daß sie selbst in der Zucht des Heiligen Geistes steht und aus Gottes Barmherzigkeit lebend, vergeben kann. Kommentar Oerni:
An dieser Auffassung von 1955 hatte sich bis zu meiner Zeit 1969 nichts geändert. Die Tätigkeiten hatten sich lediglich dahingehend erweitert, dass Fabrikarbeiten dazu kamen. Möglicherweise bestanden diese aber schon damals, denn wo hätten die Mädchen die Näherei erlernen können? Landwirtschaft bestand auch weiter, in einer Zeit, in der garantiert kein Mädchen mehr irgendwo in der Landwirtschaft eine Ausbildung gemacht hätte. Wenn also die Tätigkeiten dem Zwecke dienten, eine sogenannte Lehre zu machen, hätten sie ja diese Arbeiten auch den Zeiten anpassen müssen.
Abschrift aus der Festschrift durch Oerni für den Begleitblog zum Diakonieforum